Psychotherapie in der Krise: Warum wir das Aktionsbündnis Psychotherapie unterstützen

Psychische Gesundheit ist kein Luxus, sie ist die Voraussetzung dafür, dass Menschen arbeiten, Beziehungen führen und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Und doch wird genau diese Grundlage gerade politisch geschwächt, in einer Zeit, in der der Bedarf so hoch ist wie nie zuvor. Wir bei VIA HealthTech unterstützen mit unserer Software bewusst die  Psychotherapeut:innen. Daher verfolgen wir diese Entwicklung mit großer Sorge und stehen klar auf der Seite derer, die dagegen aufstehen.
Manuel Gremblewski
21. Mai 2026

Was gerade passiert und warum es alle angeht

Am 11. März 2026 hat der Erweiterte Bewertungsausschuss beschlossen, die Vergütung für ambulante psychotherapeutische Leistungen in der gesetzlichen Krankenversicherung zum 1. April 2026 um 4,5 Prozent zu kürzen.


Die KBV zeigte sich „enttäuscht" und kritisierte die Entscheidung scharf: Psychotherapeutische Leistungen seien bereits jetzt die am schlechtesten vergütete Fachgruppe im ambulanten System und eine weitere Absenkung sei nicht zu rechtfertigen. Auch die Psychotherapeutenkammer Berlin warnte unmittelbar nach dem Beschluss: Die Kürzungen setzten „die psychotherapeutische Versorgung bei wachsendem Bedarf weiter unter Druck."


Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) bezeichnete den Beschluss als „skandalöse Abwertung psychotherapeutischer Leistungen" und seine Delegiertenkonferenz verabschiedete Ende April 2026 einstimmig eine Resolution dagegen.


Was auf dem Papier nach einer überschaubaren Prozentzahl klingt, trifft in der Realität auf eine Berufsgruppe, die wirtschaftlich ohnehin am Limit arbeitet. Nach Abzug aller Praxiskosten wie z.B. Miete, Versicherungen, Verwaltung, verbleibt Psychotherapeut:innen laut Daten des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (ZI) ein Überschuss von rund 52 Euro brutto pro Arbeitsstunde. Das ist weniger als die Hälfte dessen, was vergleichbare Facharztgruppen erwirtschaften.

Ein widersprüchliches Signal in der falschen Zeit

Was die Entscheidung besonders schwer nachvollziehbar macht: Sie trifft eine Berufsgruppe, deren Leistung gerade dringender gebraucht wird als je zuvor.


Der Deutschlandfunk berichtete, dass Patienten bereits heute im Schnitt bis zu fünf Monate auf einen Therapieplatz warten. In manchen Regionen, besonders im ländlichen Raum, sind es noch länger. Der MDR zitierte den GKV-Spitzenverband selbst mit dem Eingeständnis, die Versorgungslage habe sich trotz steigender Therapeut:innenzahlen nicht verbessert, was jedoch nicht an mangelndem Einsatz liegt, sondern an strukturell zu wenigen Kassensitzen und einem explodierenden Bedarf.


Dieser Bedarf ist real und gut belegt: Das Robert Koch-Institut dokumentierte bis 2024 eine anhaltende Verschlechterung der psychischen Gesundheit in der deutschen Bevölkerung. Die COVID-19-Pandemie hat insbesondere bei Kindern und Jugendlichen zu einem dramatischen Anstieg von Depressionen, Angststörungen und Essstörungen geführt. Das sind Folgen, mit denen das System noch lange zu kämpfen haben wird.


Dass in dieser Lage ausgerechnet die ambulante Psychotherapie, die günstigste und wirksamste Säule der psychischen Versorgung, unter Druck gerät, ist nicht nur ungerecht. Es ist kurzsichtig. Denn die OECD zeigt klar: Unbehandelte psychische Erkrankungen führen zu mehr Arbeitsunfähigkeit, Frühberentung und stationären Aufenthalten. Das alles ist deutlich teurer als ambulante Therapie. Studien belegen ein Kosten-Nutzen-Verhältnis von bis zu 1:5,5. Wer hier kürzt, spart nicht, er verschiebt die Kosten und vervielfacht sie.

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Was konkret droht: Praxisschließungen und längere Wartezeiten

Der Deutschlandfunk berichtete bereits von Warnungen aus der Praxis: Wo eine Quersubventionierung durch Privatpatient:innen nicht möglich ist (besonders auf dem Land), drohen Praxisschließungen. Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen warnen laut demselben Bericht vor einem Dominoeffekt: Wenn niedergelassene Therapeut:innen wegfallen, landen mehr Menschen in Beratungsstellen, die ihrerseits nicht für Behandlung ausgelegt sind.


Seit Wochen gibt es daher Demonstrationen in ganz Deutschland, bei denen Therapeut:innen ihre Existenzangst öffentlich machten und klar sagen, dass die Kürzungen ohne Gegensteuern zu einem messbaren Rückgang der Versorgungskapazitäten führen werden.


Das ist keine Übertreibung. Es ist die logische Konsequenz, wenn man eine Berufsgruppe, die Leistungsmengen nicht beliebig steigern kann mit Kürzungen konfrontiert, ohne strukturelle Alternativen anzubieten.

Das Aktionsbündnis Psychotherapie: Eine starke Stimme entsteht

Inmitten dieser Krise hat sich etwas Bemerkenswertes entwickelt: Das Aktionsbündnis Psychotherapie e.V. – ein selbstorganisiertes Bündnis aus Psychotherapeut:innen, Studierenden und Weiterbildungskandidat:innen, das sich in kurzer Zeit zur größten und am schnellsten wachsenden Interessenvertretung der Berufsgruppe entwickelt hat.


Die Zahlen sprechen für sich:

  1. 6.600+ Mitglieder auf Telegram & Discord
  2. 117.500 Unterschriften in der Bundestagspetition
  3. 596.756 Unterschriften auf Change.org
  4. ~38.000 Demonstrant:innen bundesweit

Das Bündnis kooperiert mit Fachverbänden und Betroffenenorganisationen und spricht gegenüber Politik, Krankenkassen und Öffentlichkeit mit einer gemeinsamen Stimme. Seine zentralen Forderungen sind klar:

  1. 6Honorarkürzungen sofort zurücknehmen – Versorgung darf nicht kaputtgespart werden.
  2. Keine Budgetierung von Psychotherapie – Ohne planbare Honorare sterben Praxen.
  3. Zusätzliche Kassensitze schaffen – Der Bedarf ist seit Jahrzehnten bekannt, die Reaktion blieb aus.
  4. Weiterbildung finanzieren – Wie bei allen anderen Facharztgruppen auch.
  5. Faire Vergütung – Angleich zu anderen Facharztgruppen, jährlich angepasst.
  6. Direkter Zugang zur Psychotherapie muss bleiben – Keine neuen Hürden für Patient:innen.
  7. Echte Therapie statt Ersatz durch Apps oder KI – Digitale Tools können unterstützen, aber nicht behandeln.

Für die strengen Sicherheitsanforderungen der Psychotherapie konzipiert.

Warum wir als VIA HealthTech klar hinter diesem Bündnis stehen

Wir bei VIA HealthTech bauen Werkzeuge, die Psychotherapeut:innen den Praxisalltag erleichtern, damit mehr Zeit und Energie für das bleibt, was wirklich zählt: die Arbeit mit Patient:innen. Unsere Nutzer:innen sind genau die Menschen, die jetzt auf die Straße gehen, Petitionen unterzeichnen und gemeinsam für ihre Zukunft kämpfen.
Wir kennen die Realität dieser Berufsgruppe aus direkten Gesprächen. Wir wissen, wie belastend die aktuelle Situation ist (wirtschaftlich und emotional). Und wir finden: Wer anderen Menschen in ihren verletzlichsten Momenten hilft, verdient selbst verlässliche Rahmenbedingungen. Deshalb stehen wir hinter den Demonstrierenden und unterstützen das Aktionsbündnis Psychotherapie e.V. ausdrücklich. Nicht nur, weil unsere Kund:innen direkt betroffen sind. Sondern weil wir glauben, dass eine Gesellschaft, die psychische Gesundheit ernst nimmt, auch die Menschen ernst nehmen muss, die diese Versorgung täglich leisten.

Was du jetzt tun kannst

  1. 6📝 Petition unterzeichnen: abpsy.link/bundespetition
  2. 📢 Teilen – Jede:r, dem psychische Gesundheit wichtig ist, sollte davon wissen
  3. 🚶 Demo besuchen: aktionsbuendnis-psychotherapie.info/protest
  4. 📲 Folgen auf Instagram, LinkedIn und Facebook

Psychische Gesundheit geht uns alle an. Und die Menschen, die dabei helfen, sie zu erhalten, verdienen unsere Unterstützung – nicht unsere Gleichgültigkeit.