Verändert KI-Dokumentation die Psychotherapie? Eine Analyse der Rückkopplungseffekte auf die therapeutische Praxis

Die KI-gestützte Dokumentation verändert die Psychotherapie grundlegend – als stille Assistenz im Hintergrund. Wir beleuchten, wie diese Technologie die Beziehung zu Patient:innen stärkt und das Berufsbild wandelt. Die Auswirkungen auf die Praxis sind dabei überraschend positiver, als viele zunächst vermuten.
Manuel Gremblewski
22. Jan 2026

Ein Paradigmenwechsel in der Praxis

Die Psychotherapie steht an einem bemerkenswerten Wendepunkt. Während die therapeutische Beziehung zwischen Mensch und Mensch seit Jahrzehnten als unverzichtbarer Wirkfaktor gilt, hält mit der KI-gestützten Dokumentation eine Technologie Einzug, die das Berufsbild der Psychotherapeut:innen grundlegend verändert. Nicht als Ersatz, sondern als stille Assistenz im Hintergrund.
Doch was geschieht, wenn eine Künstliche Intelligenz die Aufgabe übernimmt, Therapiesitzungen zu protokollieren? Welche Auswirkungen hat dies auf die therapeutische Arbeit, die Beziehung zu Patient:innen und das Selbstverständnis der Behandelnden? Die Antworten sind vielschichtiger und überraschend positiver, als viele zunächst vermuten würden.

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1. Die Befreiung von der Doppelrolle: Mehr Präsenz im therapeutischen Moment

Das Ende des kognitiven Multitaskings

Wer je eine Psychotherapiesitzung geleitet hat, kennt die innere Zerrissenheit: Einerseits möchte man ganz beim Gegenüber sein, dessen Mimik lesen, auf feine Nuancen in der Stimme achten, empathisch resonieren. Andererseits läuft im Hintergrund ein ständiger Protokollierungsprozess: „Das muss ich mir merken. Diese Formulierung war wichtig. Wann genau hat die Affektveränderung eingesetzt?"
Diese kognitive Doppelbelastung ist mehr als ein Komfortproblem. Sie ist ein therapeutisches Hindernis. Studien zur geteilten Aufmerksamkeit zeigen, dass Multitasking die Qualität beider Tätigkeiten mindert. Wenn Therapeut:innen mental zwischen Zuhören und Dokumentieren pendeln, leidet unweigerlich die Tiefe der therapeutischen Präsenz.
Mit der Übernahme der Dokumentation durch KI-Systeme wie VIA berichten Behandelnde von einer fundamentalen Veränderung ihrer Arbeitserfahrung: “Sie können endlich ganz da sein.” Die kognitive Kapazität, die zuvor für das mentale Notieren reserviert war, steht nun vollständig für das therapeutische Geschehen zur Verfügung.

Vom klinischen Interview zum echten Gespräch

Eine der eindrücklichsten Rückmeldungen aus hunderten von geführten Feedback-Gesprächen betrifft die veränderte Gesprächsqualität. Therapeut:innen beschreiben, dass Sitzungen ohne den inneren Dokumentationsdruck einem „annähernd normalen Gespräch" gleichen. Dies ist eine Qualität zwischenmenschlicher Begegnung, die in der klassischen Therapiesituation oft schwer erreichbar war.
Diese Veränderung bleibt den Patient:innen nicht verborgen. Sie nehmen die erhöhte Aufmerksamkeit und Präsenz ihrer Therapeut:innen wahr und berichten von einem Gefühl, wirklich gehört und gesehen zu werden. In einer Disziplin, in der die therapeutische Beziehung als einer der stärksten Wirkfaktoren gilt, ist dies ein nicht zu unterschätzender Effekt.

2. Das Paradox der gesparten Zeit: Zwischen Behandlungskapazität und Selbstfürsorge

Eine Ressource mit Gestaltungsspielraum

Die Zeitersparnis durch automatisierte Dokumentation ist teils erheblich. Je nach Praxisstruktur und bisherigem Dokumentationsaufwand berichten Therapeut:innen von ca. 30 Minuten, die nun nicht mehr für Schreibarbeit aufgewendet werden müssen. Dies hängt auch damit zusammen, wie umfangreich man vor der KI-Unterstützung dokumentiert hat und ob die Dokumentation, oder ob dies in Zusammenhang mit der Berichterstellung betrachtet wird. Doch so oder so, ist es spannend zu sehen, wie diese gewonnene Zeit genutzt wird.


Hier zeigen sich unterschiedliche Strategien mit jeweils eigenen Implikationen:


Angesichts der angespannten Versorgungslage im Bereich psychische Gesundheit nutzen manche Praxen die gewonnene Zeit, um zusätzliche Patient:innen zu behandeln. Dies kann einen wichtigen Beitrag zur Verkürzung von Wartezeiten leisten, die in Deutschland oft mehrere Monate betragen. Andere nutzen den Freiraum für intensivere Fall Vor- und nachbereitung, die im eng getakteten Praxisalltag oft zu kurz kommen. Andere Behandelnde investieren die Zeit in ihre Freizeit und eigene (psychische) Gesundheit, was einen oft vernachlässigten Aspekt in einem Beruf mit hohem Burnout-Risiko darstellt. Regelmäßige Pausen, pünktlicher Feierabend und Zeit für sich selbst werden realistischer.

Die Entscheidung, wie diese Ressource genutzt wird, liegt bei den Behandelnden selbst, ein Gestaltungsspielraum, der die professionelle Autonomie stärkt.

3. Der therapeutische Wert des Schreibens: Was geht verloren und was nicht?

Eine berechtigte Sorge

Ein häufig vorgebrachter Einwand gegen die automatisierte Dokumentation verdient ernsthafte Beachtung: Das manuelle Verfassen von Sitzungsprotokollen und Berichten ist nicht nur administrative Pflicht, sondern kann selbst ein therapeutisches Werkzeug sein.
Beim Schreiben durchdenken Therapeut:innen das Geschehene erneut. Sie strukturieren, gewichten, stellen Verbindungen her. Dieser reflektive Prozess kann wichtige klinische Einsichten generieren und zur Verarbeitung emotional belastender Sitzungsinhalte beitragen. Die Sorge, dass dieser wertvolle Aspekt verloren gehen könnte, ist daher berechtigt.

Reflexion neu gedacht

Die Praxiserfahrung zeigt jedoch, dass der reflektive Prozess nicht zwangsläufig an das Schreiben gebunden ist. Viele Therapeut:innen berichten, dass sie die KI-generierten Dokumentationen als Ausgangspunkt für ihre Reflexion nutzen und nicht als deren Ersatz.
Das Lesen und Überprüfen der automatisierten Zusammenfassung kann den reflektiven Prozess sogar bereichern: Man begegnet den eigenen Sitzungen aus einer Außenperspektive, die neue Einsichten ermöglicht. Die KI-Dokumentation wird so zum Spiegel, der blinde Flecken aufdecken kann.
Entscheidend ist, dass die Reflexionszeit nicht wegfällt, sie verändert lediglich ihre Form. Statt Zeit mit dem mechanischen Akt des Protokollierens zu verbringen, können Therapeut:innen diese für tiefergehende (Qualitäts-)arbeit nutzen.

4. Die unerwartete Allianz: Patient und Therapeut versus die Maschine

Ein neues Instrument im therapeutischen Werkzeugkasten

Eine der überraschendsten Entwicklungen in der Praxis ist die kreative Nutzung der KI-Dokumentation als eigenständiges therapeutisches Instrument. Einige Therapeut:innen nutzen das gemeinsame Betrachten der automatisch erstellten Zusammenfassung als wertvolle Intervention für sich.
Ein Beispiel aus der Praxis: Am Ende einer Sitzung zeigt die Therapeutin der Patientin die KI-generierte Zusammenfassung und fragt: „Welchen Titel hätten Sie dieser Sitzung gegeben?" Diese simple Frage eröffnet einen meta-therapeutischen Raum, in dem Patient:innen ihre eigene Perspektive auf das Geschehene artikulieren können.

Die Stärkung der therapeutischen Allianz durch Abgrenzung

Besonders interessant ist der Beziehungseffekt, der sich aus dieser Praxis ergibt. Das gemeinsame Betrachten der KI-Dokumentation schafft eine subtile Dynamik: „Wir beide, als Menschen, schauen uns gemeinsam an, was die Maschine über unser Gespräch denkt."
Diese Konstellation stärkt paradoxerweise die menschliche Verbindung. Die KI wird zum „Dritten im Raum", gegen den sich die therapeutische Dyade abgrenzen kann. Das geteilte Bewusstsein, dass die technische Zusammenfassung niemals die volle Tiefe des menschlichen Austauschs erfassen kann, betont den einzigartigen Wert der therapeutischen Beziehung.

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5. Die Angst vor dem De-Skilling: Wenn die zweite Meinung Sicherheit gibt

Eine verbreitete Befürchtung

In Diskussionen über KI in der Psychotherapie taucht regelmäßig die Sorge vor „De-Skilling" auf, d.h. der Befürchtung, dass Therapeut:innen durch die Abhängigkeit von technischer Unterstützung ihre eigenen Fähigkeiten verlieren könnten. Werden Behandelnde verlernen, präzise zu dokumentieren? Wird ihr klinisches Urteil durch die Verfügbarkeit KI-generierter Einschätzungen verkümmern?

Die Realität: Unterstützung statt Ersetzung

Die Rückmeldungen aus der therapeutischen Praxis zeichnen (bisher) ein anderes Bild. Statt einer Entmachtung berichten Therapeut:innen von einem Gefühl der Unterstützung und Entlastung.


Ein häufig verwendetes Bild ist das einer „zweiten Person im Raum". Die KI wird als aufmerksame Assistenz wahrgenommen, die zuhört, strukturiert und einordnet. Dies schafft eine Form der professionellen Rückversicherung, die besonders in herausfordernden Situationen wertvoll ist: An Tagen mit hoher Arbeitsbelastung, bei komplexen Fällen oder wenn die eigene Tagesform nicht optimal ist, bietet die KI-Dokumentation eine Art Sicherheitsnetz.


Wichtig ist dabei die Betonung: Es handelt sich um eine Ergänzung des eigenen Urteils, nicht um dessen Ersetzung. Die finale Verantwortung für Diagnostik, Behandlungsplanung und therapeutische Entscheidungen verbleibt vollständig bei den Behandelnden. Die KI liefert Material, aber keine Direktiven.

6. Die Transformation der Berufsrolle: Von der Schreibkraft zur Qualitätssicherung

Eine überfällige Verschiebung

Die vielleicht tiefgreifendste Auswirkung der KI-gestützten Dokumentation betrifft das Selbstverständnis und die Berufsrolle der Psychotherapeut:innen. Über Jahrzehnte war ein erheblicher Teil der therapeutischen Arbeitszeit mit administrativen Tätigkeiten belegt: Protokolle schreiben, Berichte verfassen, Formulare ausfüllen.
Diese Aufgaben sind notwendig, aber sie entsprechen nicht dem, wofür Therapeut:innen ausgebildet wurden und was sie als ihren professionellen Kern verstehen. Mit der Automatisierung der Dokumentation verschiebt sich der Schwerpunkt der therapeutischen Arbeit: Weg von der Produktion von Dokumenten, hin zur Qualitätssicherung therapeutischer Prozesse.

Die neue Rolle: Kuratieren statt Produzieren

Therapeut:innen werden zunehmend zu Supervisor:innen ihrer eigenen Praxis. Sie prüfen, ergänzen und verfeinern die KI-generierten Dokumentationen; sie nutzen die gewonnene Zeit für konzeptionelle Arbeit, Fallreflexion und die Verfeinerung ihrer therapeutischen Technik.
Diese Verschiebung bedeutet auch eine Aufwertung des spezifisch Menschlichen in der therapeutischen Arbeit: Empathie, intuitive Erfassung, kreative Intervention, ethische Urteilsbildung, all jene Fähigkeiten, die (zumindest derzeit) nicht automatisierbar sind.

7. Der größere Rahmen: Systemische Effekte und die Zukunft der therapeutischen Kompetenz

Vom Einzelfall zum Versorgungssystem

Die beschriebenen Veränderungen auf individueller Ebene, also präsentere Therapeut:innen, stärkere Allianzen, mehr Reflexionszeit, entfalten in ihrer Summe eine systemische Wirkung, die über die einzelne Behandlung hinausreicht.


Auf der Ebene der Behandelnden selbst zeigt sich: Reduzierte administrative Belastung kann zu niedrigeren Burnout-Raten und höherer Berufszufriedenheit beitragen. In einem Feld, in dem erfahrene Fachkräfte knapp sind und die Ausbildung Jahre dauert, ist jede Therapeutin, jeder Therapeut, der dem Beruf länger erhalten bleibt, ein Gewinn für das gesamte Versorgungssystem. Die psychische Gesundheit der Behandelnden wird so zur Voraussetzung für die Gesundheit ihrer Patient:innen.
Aggregiert man diese Effekte, ergibt sich das Potenzial für eine substanzielle Verbesserung der Versorgungslage: Kürzere Wartezeiten durch erhöhte Kapazität, stabilere Behandlungsverläufe durch gestärkte therapeutische Beziehungen, nachvollziehbarere Dokumentation für Supervision und Qualitätssicherung.

Neue Kompetenzen für eine veränderte Praxis

Die Integration von KI in die therapeutische Arbeit erfordert allerdings auch neue Fähigkeiten. Therapeut:innen müssen lernen, mit KI-Systemen effektiv zu interagieren: Wie erkenne ich Grenzen und Fehler der automatisierten Dokumentation? Wann muss ich korrigieren, ergänzen, widersprechen? Diese Form der kritischen Evaluation wird zu einer Kernkompetenz.


Hinzu kommen ethische Fragen, die kontinuierlicher Reflexion bedürfen: Wie gestalte ich die informierte Einwilligung meiner Patient:innen? Wie transparent muss ich über die KI-Nutzung sein? Welche Rechte haben Patient:innen und welche ich als Nutzer:in? Wo liegen die Grenzen dessen, was ich an eine Maschine delegieren kann und will? Diese Fragen lassen sich nicht einmal beantworten und dann abhaken, sie begleiten die therapeutische Praxis als fortlaufender Reflexionsprozess.


Die gute Nachricht: Diese neuen Anforderungen ersetzen nicht die klassischen therapeutischen Kompetenzen, sondern ergänzen sie. Empathie, klinisches Urteilsvermögen, die Fähigkeit zur Beziehungsgestaltung und noch vieles mehr, all dies bleibt nicht nur relevant, sondern gewinnt an Bedeutung. Denn je mehr die Technik die administrativen Aufgaben übernimmt, desto mehr rückt das Menschliche in den Mittelpunkt dessen, was Psychotherapie ausmacht.

Eine realistische Perspektive

Die bisherigen Erfahrungen aus der Praxis geben Anlass zu vorsichtigem Optimismus. Die befürchteten negativen Effekte, wie Entfremdung, De-Skilling, Qualitätsverlust, haben sich nicht in dem Maße materialisiert, wie von Kritikern vorhergesagt. Stattdessen berichten Therapeut:innen überwiegend von Entlastung, neuen Möglichkeiten und einer Rückbesinnung auf den Kern ihrer Arbeit. Die KI-gestützte Dokumentation in der Psychotherapie ist weder die technologische Heilsbotschaft, als die sie manchmal dargestellt wird, noch die Bedrohung für das Menschliche, als die sie manchmal gefürchtet wird. Sie ist ein Werkzeug, dessen Auswirkungen von der Art seiner Nutzung abhängen.


Was heute noch als Innovation erscheint, wird in wenigen Jahren zum Standard gehören, ähnlich wie Google Maps beim Autofahren, das anfangs auf Skepsis stieß und heute nicht mehr wegzudenken ist. Die Frage ist nicht mehr, ob KI-gestützte Dokumentation sich durchsetzen wird, sondern wie sie klug implementiert und verantwortungsvoll genutzt werden kann. Entscheidend bleibt dabei der Grundsatz, der auch die Arbeit von VIA HealthTech leitet: KI als Assistenz, nicht als Ersatz. Die Technologie ermöglicht es Therapeut:innen, mehr von dem zu tun, wofür sie ausgebildet wurden und was sie am besten können: Menschen in psychischen Krisen begleiten, heilsame Beziehungen gestalten, Veränderungsprozesse anstoßen.
Wenn die KI die Protokollierung übernimmt, können die Menschen sich um die Menschen kümmern.